Zum Hauptinhalt springen
Whitesides Publishers Verlag Niko Martzy KI COACH Vorbestellen

Leseprobe

Vorwort und Anfang von Kapitel 1

Die ersten Seiten von Der KI-Coach. 432 Seiten Hardcover.

Vorwort

Dieses Buch hätte ich vor fünf Jahren nicht schreiben können. Die Worte hätte ich gehabt, aber die Welt, die es beschreibt, existierte vor fünf Jahren noch nicht.

Im November 2022 veröffentlichte ein Unternehmen namens OpenAI ein Programm namens ChatGPT. Innerhalb von fünf Tagen nutzten es eine Million Menschen. Innerhalb von zwei Monaten hundert Millionen. Kein Produkt in der Geschichte der Menschheit hatte sich schneller verbreitet. Nicht das Telefon. Nicht das Fernsehen. Nicht das Internet. Nicht das iPhone.

Ich saß in meinem Büro in Berlin und merkte, dass sich etwas Fundamentales verändert hatte. Ich bin weder Visionär noch besonders technologieaffin. Aber ich leite seit über zwanzig Jahren ein Unternehmen, das Menschen durch berufliche Umbrüche begleitet. Erst war es die Digitalisierung. Dann E-Commerce. Dann Social Media. Ich habe jede Welle kommen sehen, und jede Welle hat die vorherige in den Schatten gestellt.

KI stellt sie alle in den Schatten.

Ich bin kein Informatiker. Ich bin kein Philosoph. Ich bin Bildungsunternehmer. Ich habe die ecomex Business Academy gegründet, weil ich glaubte, und glaube, dass Bildung der einzige Weg ist, Menschen durch Veränderung zu führen. Nicht Technologie. Nicht Politik. Nicht Geld. Bildung.

In den letzten zwanzig Jahren haben Hunderte von Coaches und Dozenten unter dem Dach dieser Akademie Tausende von Menschen begleitet. Alleinerziehende Mütter, die nach Jahren zurück in den Beruf wollten. Gründerinnen und Gründer mit einem Traum und einem leeren Businessplan. Mitarbeiter aus Unternehmen, die mitten in Wachstum und Transformation nach Orientierung gesucht und gefunden haben. Menschen über fünfzig, die plötzlich erfahren mussten, dass ihre Erfahrung nicht mehr genug war.

Kapitel 1: Rausch trifft Ernüchterung, "Du hast recht..."

Im März 2026 ist Friedrich Merz der zehnte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er hat Künstliche Intelligenz zur "vielleicht höchsten Priorität" seiner Regierung erklärt. Zum dritten Mal in acht Jahren erklärt eine Bundesregierung KI zur höchsten Priorität. Irgendwann muss man sich fragen, ob "höchste Priorität" in der deutschen Politik bedeutet: Wir haben es auf die Tagesordnung gesetzt und werden nächstes Jahr darüber abstimmen, ob wir nächstes Jahr darüber reden.

Wir laufen technologisch hinterher. Die USA und China dominieren die Basismodelle, Europa ist abgeschlagen.

Der Draghi-Report zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit enthält 383 Empfehlungen. Das Tony Blair Institute hat nachgezählt: Elf Prozent davon wurden umgesetzt. Elf Prozent. Wenn du bei einer Prüfung elf Prozent der Fragen beantwortest, fällst du durch. Wenn du bei einer Prüfung elf Prozent der Fragen beantwortest und der Professor dir dafür einen neuen Titel gibt, dann bist du in der EU-Kommission.

Ursula von der Leyen hat im Februar 2025 auf dem AI Action Summit in Paris drei Worte gesagt, die wie ein Befreiungsschlag klingen sollten: From now on, it is AI first. KI zuerst. Ab jetzt. Und dann ist nichts passiert. Jedenfalls nicht in Europa.

In den USA passiert alles. 109 Milliarden Dollar private KI-Investitionen im Jahr, Anthropic, OpenAI, Google, Meta, NVIDIA, eine Industrie, die sich schneller bewegt als jede Industrie zuvor. In China passiert alles. Fünfzehn Modelle, vierzig Millionen humanoide Roboter geplant, DeepSeek als günstige Alternative, die den Westen nervös macht. In Indien passiert etwas. Der AI Impact Summit in Neu-Delhi, zwanzig Staatsoberhäupter, ein Subkontinent, der sich als Alternative zum US-China-Duopol positioniert. Sogar in Afrika passiert etwas. Ägypten stellt mit Karnak ein nationales Large Language Model vor, in Kenia und Nigeria sprechen Farmer mit KI-Chatbots in Swahili und Yoruba, die African Development Bank legt eine Initiative für vierzig Millionen neue Jobs auf.

Und in Europa? Regulierung. Ausschüsse. Pilotprojekte. Die chronische Umsetzungsschwäche der Bundesregierung, Hunderte Absichtserklärungen, die auf Papier verrotten.

Wir haben in Europa die Regeln geschrieben, bevor wir das Spiel gespielt haben. Kein Wunder, dass wir verlieren.

Wir vergessen, dass wir längst im internationalen Wettbewerb stehen. Wenn andere dieses Thema ernst nehmen, arbeiten sie nicht nur effizienter und rentabler, sondern ziehen schon in kurzer Zeit auch unsere Fach- und Führungskräfte an, vor allem unsere High Potentials. Diese Dynamik ist brandgefährlich.

Unser Wirtschaftsstandort lebt noch immer von der Substanz vergangener Jahrzehnte. Gleichzeitig haben uns überbordende Bürokratie und staatliche Ineffizienz zu einem der teuersten Standorte der Welt gemacht. Und genau in diesem Moment stellt KI alles auf den Kopf und verändert die Spielregeln radikal.

Es ist, als säßen wir an einem Pokertisch und der Croupier sagte kurz vor der ersten Karte: "Wir spielen ab jetzt ein neues Spiel, und ich erkläre jetzt die Regeln." Amerika und China hören aufmerksam zu und stellen Fragen. Deutschland dagegen wirkt genervt, findet das neue Spiel blöd, empört sich gemeinsam mit anderen Spielern über den Croupier und sucht vor allem nach Gründen, warum man dieses Spiel besser gar nicht erst spielen sollte.

Der Croupier nimmt ihre Ablehnung regungslos zur Kenntnis und sagt: "Es ist ein freier Tisch, kein Problem. Sie können auch aussteigen. Wie entscheiden Sie sich?"

Trotzdem bleibe ich

Trotzdem bleibe ich. Und jetzt kommt die Stelle, an der dieses Buch anfängt, sich von den üblichen KI-Büchern zu unterscheiden. Denn ich will weder jammern noch jubeln. Ich will zeigen, was möglich ist, hier, in diesem Land, mit diesen Menschen, mit diesen Strukturen. Auch mit dieser Bürokratie. Vielleicht gerade wegen dieser Bürokratie.

Deutschland hat etwas, das kein anderes Land der Welt hat: eine Bildungsinfrastruktur, die bis in das letzte Dorf reicht. Volkshochschulen, Kammern, das duale System, spezialisierte Akademien, und massive staatliche Weiterbildungsbudgets, die Unternehmen wie Einzelpersonen nutzen können. Dieses Ökosystem existiert. Es wartet nur darauf, mit KI-Kompetenz gefüllt zu werden.

Ein Blick nach Skandinavien zeigt, wie flächendeckende KI-Befähigung aussehen kann.

Aber, und das ist der entscheidende Punkt, wir hätten die Infrastruktur, um es zehnmal schneller zu tun als Finnland. Wenn wir wollen.

Denn was die meisten übersehen: Deutschland hat nicht nur eine Bildungsinfrastruktur. Es hat ein Ökosystem der zweiten Chance. Menschen in beruflicher Neuorientierung bekommen Weiterbildung bezahlt. Gründerinnen bekommen Coaching. Fachkräfte bekommen Qualifizierung. In keinem anderen Land der Welt finanziert der Staat so systematisch den Neuanfang.

Das System ist langsam, bürokratisch, manchmal zum Verzweifeln, aber es existiert. Und es ist der Grund, warum eine Friseurin aus Wuppertal im Jahr 2026 eine KI-gestützte Kundenverwaltung aufbauen kann, ohne dafür einen Kredit aufzunehmen. Weil jemand ihr eine Weiterbildung bezahlt hat. Weil jemand sie gecoacht hat. Weil das System, so schwerfällig es ist, funktioniert, wenn man es mit dem richtigen Inhalt füttert.

Das ist der Hebel. Milliarden für Forschung brauchen wir auch, aber der eigentliche Hebel ist, die vorhandene Infrastruktur mit KI-Kompetenz zu füllen. Die Coaches ausbilden, die die Friseurin begleiten. Die Dozenten schulen, die den Handwerksmeister abholen. Die Brücke bauen zwischen der Technologie, die aus Kalifornien kommt, und den Menschen, die in Castrop-Rauxel damit arbeiten sollen.

Und es gibt Zeichen, dass wir anfangen zu wollen. 2025 sind die Startup-Gründungen in Deutschland um 29 Prozent gestiegen. Neunundzwanzig Prozent. Der Grund: KI. 75 Prozent aller neuen Apps werden inzwischen mit KI erstellt. Und, das ist die Zahl, die mich am meisten beeindruckt, 80 Prozent der Menschen, die diese Apps erstellen, kommen nicht aus IT-Teams. Sie kommen aus dem Marketing, aus dem Vertrieb, aus dem Personalwesen, aus dem Handwerk. Gewöhnliche Menschen, die außergewöhnliche Dinge tun, weil ihnen ein Werkzeug in die Hand gefallen ist, das die Spielregeln ändert.

Man nennt das Vibe Coding, ein Begriff, der 2025 geprägt wurde und inzwischen Mainstream ist. Menschen, die nie eine Zeile Code geschrieben haben, bauen Software. Nicht perfekte Software. Aber funktionierende Software. Software, die ein Problem löst, das sie kennen, weil sie es jeden Tag haben. Der Dachdecker, der sich eine App baut, die seine Angebotskalkulation automatisiert. Die Steuerberaterin, die ein Tool programmiert, das ihre Mandantenanfragen vorklassifiziert. Der Personalleiter, der einen Chatbot für die häufigsten Bewerberfragen erstellt.

Das sind keine Programmierer. Das sind Fachleute, die KI als Hebel nutzen. Und sie sind der lebende Beweis dafür, dass der Zugang offen ist.

Aber, und hier wird es ernst, zwischen einer Frage stellen und eine Antwort sinnvoll nutzen liegt ein Graben, den die meisten allein nicht überqueren. Zwischen dem Dachdecker, der einmal mit ChatGPT experimentiert, und dem Dachdecker, der systematisch KI in sein Geschäft integriert, liegt kein technisches Hindernis. Es liegt ein menschliches: Begleitung. Anleitung. Jemand, der sagt: Das, was du gerade gemacht hast, ist erst der Anfang. Hier ist, was noch geht.

[Ende der öffentlichen Leseprobe. Vollständige Lektüre im Buch.]